Alice Kober Gesellschaft für die Entzifferung antiker Schriftsysteme
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Proto- und Linear-Elamisch: Berechnung des Jaccard-Index zur Valorisierung der grafischen Ähnlichkeit
Mäder 2020

Die beiden hier behandelten Schriftsysteme wurden ursprünglich als eines angesehen (vgl. Scheil 1905). Dies änderte sich erst, als die kohärente und im Vergleich reduzierte Zeichenauswahl der elamischen Strichschrift (künftig LE) erkannt wurde sowie die Tatsache, dass hier anders als im Proto-Elamischen (PE) keine numerischen Zeichen vorkommen. Später hat die Archäologie mit gesicherten Datierungen des PE (3200 – 2900 v. Chr.) und des LE (ab 2250 v. Chr.) endgültig eine Bresche zwischen die beiden Schriftsysteme des alten Irans geschlagen. Intuitiv lieferte aber die grafische Ähnlichkeit sowie die mit zunehmenden Funden immer deutlichere Überlappung der Verbreitungsgebiete den beteiligten Forschern weiterhin guten Grund, die These im Hinterkopf zu behalten, dass LE ein Abkömmling des PE darstellt. Kürzlich konnte zudem mittels syntaktischer Analysen aufgezeigt werden, dass LE fürwahr die elamische Sprache abbildet (Mäder et al. 2018).

Hinzufügen möchte ich eine schrifttheoretische Überlegung: Von den (je nach Zählweise) mehreren Hundert archaischen Schriftsystemen sind nur gerade deren vier (Woods 2010:15) bis sieben (Mäder 2019:12) endogen, d.h. wurden unabhängig von bestehenden Schriftkenntnissen erfunden. Dass eine Schrift ohne Modell erschaffen wurde, ist also in derartigem Mass eine Ausnahme, dass wir im Zweifelsfall eine Vorläuferschrift anzunehmen haben. Schon allein dahier ist eine Untersuchung der graphemischen Ähnlichkeit ist also gerechtfertigt. Kritikern, die möglicherweise den berühmten Ausspruch von Peter Daniels (1996:22) anführen – “The comparison of shapes alone without attention to sound values [is] the oldest fallacy in the study of writing systems.” – möchte ich gleich von Anbeginn den Wind aus den Segeln nehmen: Daniels warnt zurecht davor, Verwandtschaftsbehauptungen zwischen Schriftsystemen sowie Entzifferungsvorschläge allein aufgrund grafischer Ähnlichkeit vorzubringen. Doch bei den altiranischen Schriften steht es andersrum: Ein Verdacht auf Verwandtschaft ist kulturgeschichtlich wie auch schriftarchäologisch gegeben, und in der vorliegenden Arbeit geht es darum, die Daten zu liefern, um diesen Verdacht zu überprüfen.

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