 Zentrum für die Entzifferung Antiker Schriftsysteme 
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Untersuchung zur Donauschrift
Mäder 2015

Vor gut sechzig Jahren formulierte der amerikanisch-polnische Altorientalist Ignace J. Gelb (1952:222) einen denkwürdigen und breit akzeptierten Merksatz: «Writing exists only in a civilization and a civilization cannot exist without writing.» Doch als in den 1960er- und 70er-Jahren in Südosteuropa immer mehr Funde mit seltsamen Ritzungen zutage traten, wurde diese Prämisse infrage gestellt: Könnte es sein, dass zwischen 5200 und 3400 v. Chr. im Balkangebiet – Archäologen benennen diese Kultur nach dem Fundort Vinča – bereits Informationen niedergeschrieben wurden? In einem Kulturraum also, aus dem weder grossartige Repräsentationsbauten noch sonstige Anzeichen einer Zivilisation bekannt sind? Dies wäre sensationell, da die ansonsten ältesten Schriftzeugnisse, die Abrechnungstafeln aus Uruk, auf 3400 bis 3200 v. Chr. datiert werden, und so bemühten sich zahlreiche Forscher um eine Interpretation der Funde. Einen Meilenstein in der Erforschung der Vinča-Schrift, die auch Donauschrift (Haarmann 2010), Old European Writing (Gimbutas 1991) oder Drevnebalkanskaja Pisʼmennostʼ (Ivanov 1984) genannt wird, bedeutete die 1981 veröffentlichte nachbearbeitete Doktorarbeit des amerikanischen Linguisten Shan M. M. Winn. Er katalogisierte hunderte von Ritzungen und schuf daraus eine Zeichenliste, auf der alle nachfolgenden Untersuchungen, so auch die vorliegende, basieren. Trotz Winns minutiöser Arbeit liessen sich die meisten Philologen und Historiker nicht von der Existenz einer wirklichen Schrift überzeugen. Man wartete ab, bis härtere Fakten geliefert würden. So steht heute eine eher kleine Gemeinschaft von Donauschrift-Befürwortern der gleichgültigen bis ablehnenden Haltung der traditionellen Communauté Scientifique gegenüber. Zurecht bemängelt Andrej Starović (2005:254), dass sich zwar etliche Forscher eine Meinung gebildet, diese aber kaum methodisch hinterlegt hätten: «In fact, neither opponents nor supporters have provided convincing scientific arguments for their general opinion.»

In jüngster Zeit ist neuer Schwung in die Donauschriftforschung gekommen. 2009 wurde der Sammelband zum «Signs of Civilization»-Kongress in Novi Sad veröffentlicht (Marler et al. 2009), der neue Aspekte der mysteriösen Zeichenwelt Alteuropas beleuchtete, und 2010 erschien die «Einführung in die Donauschrift» des deutschen Linguisten Harald Haarmann, die in die Reihe «Einführungen in neue Schriften» des Buske-Verlags Eingang gefunden hat. Schliesslich lieferte Corinna Salomon 2013 einen ausführlichen Überblick über Geschichte und Stand der Forschung. Während eine Mehrheit der mit den Vinča-Zeichen beschäftigten Autoren die Schrifthaftigkeit als gegeben annimmt, bleibt Salomon (2013:117) reserviert und warnt davor, auf unbestätigten Annahmen aufzubauen: «Haarmann selbst sieht die Zukunft der Donauschriftforschung in der genaueren Aufschlüsselung der Verbindungen der alteuropäischen Welt mit dem Mittelmeerraum; sinnvoller wäre es jedoch, erst einmal unzweifelhaft nachzuweisen, dass es sich um Schrift handelt bzw. um welche Art.» Sie beklagt, die meisten Donauschriftforscher seien eher damit beschäftigt, die Akzeptanz ihrer Schrifttheorie zu befördern, als nach neuen, präzisen Erkenntnissen zu streben, und schliesst mit der Aufforderung: «Es wäre der Sache […] zuträglich, wenn sich in Zukunft mehr ForscherInnen, und zwar besonders SchrifthistorikerInnen und -typologInnen der ‘Donauschriftʼ widmen würden, um durch eine Aufar beitung des Materials einerseits greifbarere Ergebnisse und andererseits auch einen ausgeglichenen wissenschaftlichen Diskurs zu gewährleisten.» Damit ist das Ziel der vorliegenden Arbeit formuliert.

Um die Frage zu beantworten, ob Schrift vorliege, wird zuerst mit Kenntnissen aus der Schrifttheorie ein Kriterienrahmen erarbeitet (Kapitel 2). Er listet die einzelnen Bedingungen auf, die erfüllt sein müssen, damit wir von Schrift sprechen können. Es wird aber auch besprochen, welche Arten von eingeschränkter bzw. nicht vollständig entwickelter Schrift es geben kann, insbesondere was es mit dem Begriff «Vorform» oder «Vorläufer» von Schrift auf sich hat (Kapitel 3). Alsdann werden die wichtigsten Argumente der Donauschrift-Befürworter besprochen und auf ihre Stichhaltigkeit hin geprüft (Kapitel 4), um schliesslich im eigentlichen Hauptteil der Arbeit, den Kapiteln 5 bis 8, die Methode zu untersuchen, mit der Shan Winn die Zeichenliste erstellt hat. Besondere Beachtung erhalten die längeren zusammenhängenden Inschriften (Kapitel 7). Ihre Analyse soll gerade auch jenen Interessierten, die sich bisher nicht mit der Donauschrift beschäftigt haben, einen Einblick geben, auf welchen Fundstücken die Schrift beruhen soll und wie die Zeichen interpretiert und geordnet wurden. Ein dankbarer Ankerpunkt sind dabei immer wieder die Erkenntnisse von Asko Parpola, der bei den Entzifferungsversuchen zur Indusschrift wichtige Grundlagen erarbeitet hat.

Es sei vorweggenommen, dass die Erkenntnisse sehr ernüchternd sind. Methodische Prinzipien der Segmentierung und Katalogisierung wurden nicht beachtet, Unstimmigkeiten oft übergangen. Überdies stellt sich heraus, dass die Vinča-Zeichen nicht als Ganzes ein Schriftsystem darstellen, sondern wir es aller Wahrscheinlichkeit nach mit drei Teilkorpora zu tun haben: einem Töpfermarken-Korpus, einem Korpus von asymmetrischen Verzierungen und – als einziges bedingt als Schrift zu bezeichnen – einer Gruppe von konventionalisierten Göttersymbolen. Die Resultate werden in Kapitel 10 zusammengefasst. Interessanterweise zeigte sich im Laufe der Untersuchungen, dass ein vierter Korpus zu existieren scheint, der sich paläografisch von den Vinča-Zeichen abhebt und im Gegensatz zu diesen mehrere Schrifthaftigkeits-Kriterien erfüllt. Ein Teil dieser Vinča-Linear-Inschriften wurde von Winn abgezeichnet, der Rest stammt aus Grabungsberichten. Eines dieser Zeugnisse, die Sitovo-Inschrift, konnte von russischen Forschern als altphrygisch identifiziert werden, für den Rest gibt es nur Vermutungen, die in Kapitel 11 dargelegt werden. Ich hoffe sehr, dass die Untersuchung, so lückenhaft sie auch sein mag, zur südosteuropäischen Schiftforschung beitrage. Besonders willkommen sind Antworten und Korrekturen seitens der Vertreter der Donauschrifttheorie und, was die Vinča-Linear-Gruppe betrifft, Hinweise jeglicher Art für deren mögliche Identifikation.

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